Gigathlon 2013

1 Woche Aktiv-Zeltferien in der Schweiz für 2 Personen…

…oder auch Wanderzirkus für 6‘000 Spinner quer durch den Bundesstaat.

Stets nur eine Arschbreite vom körperlichen und mentalen Abgrund entfernt, nahmen Antonia Bünter und ich (als Vertreter des TRIhundred60 Teams) als Tätschchopf und Windelmeier am Gigathlon 2013 in der Kategorie Couple teil. Verena hat Druck gemacht, ich solle endlich den diesbezüglichen Bericht schreiben. Das ist nicht so einfach. Eine Woche Ausnahmezustand schriftlich nachzufassen kann schnell langweilig werden – oder ausufern; oder beides. Erschwerend kommt hinzu, dass man im Verlauf der Woche die einzelnen Tage, welche in einem Gemisch von Blut, Schweiss und Tränen zu einem Edvard Munch-artigen Werk oszillieren, nicht mehr auseinanderzuhalten vermag, zuweilen man ja immer recht knapp in Sachen Sauerstoff ist. Im Hirn. Deshalb habe ich mich entschlossen nur einen Tag abzuhandeln. Und zwar Tag 3. Oder auch Tag 4. Auf jeden Fall einen Tag mit einer Zahl. Ein Tag mit Velo, Schwimmen und Laufen (ich) und Biken und Inlinen (Antonia). Irgendwo auf der Achse Chur – Lausanne.

 

Zuerst möchte ich aber noch ein grosses Dankeschön ausrichten und zwar an meinen Bruder Chlaus, der uns während der ganzen Woche als Supporter unterstützt hat, und dabei eine Lockerheit und ein Selbstverständnis an den Tag gelegt hat, das Seinesgleichen sucht. Ebenso ein nicht minder gewaltiges Merci an Hans und Romy Bünter für die mobile Wohnung Modell Carthago, und wiederholte moralische Unterstützung sowie Notfalleinsätze bei Sturm und Regen auf dem Zeltplatz in Ennetbürgen! Ohne sie wäre für uns der Gigathlon als solches, wie auch unser Abschneiden im vorderen Bereich des Tableaus nicht möglich gewesen.

Der Wecker klingelte also an jenem Tag – wie auch die Tage zuvor – morgens um 4. Ich einen Gesichtsausdruck wie Clint Eastwood nachdem ihm der Kautabak geklaut wurde. Der Muskeltonus meiner Beine hatte zu diesem Zeitpunkt bereits etwas an reflexiver Spannkraft eingebüsst. Die zwei Stufen, die zum Verlassen des Wohnmobils überwunden werden mussten, nahm ich mit der Grazie von Horst Schimanski nach einer durchzechten Nacht auf dem Kiez in St. Pauli. Bis zur Toilette des Campingplatzes wünschte ich mir den Rollator von Frau Graber (die bei uns zuhause im ersten Stock wohnt) her. Endlich auf dem Topf angekommen machte ich mir die Stöpsel in die Ohren und stellte mich mit The Joker and the Thief von Wolfmother auf das bevorstehende Tagewerk ein. Anschliessend versuchte ich, mittels The Kiss vom Soundtrack zu Der letzte Mohikaner dem ganzen einen metaphysischen Anstrich zu verleihen. Es blieb jedoch beim Versuch, denn sogleich streckte mich das Hier und Jetzt mit einer Blutgrätsche zu Boden, als es darum ging in den noch (vom Vortag) nasskalten Neopren-Anzug zu steigen.

Es war noch nicht richtig Tag geworden, da sah ich mich den Neopren schon wieder abstreifen und aufs Velo steigen. 123km und eine Million Höhenmeter. Sportgewordener Seelenschmerz. Der Anstieg nach Ennetmoos (die im Wasser rausgeschwommene Führung war zu diesem Zeitpunkt selbstredend schon längst wieder vergeigt) ging grad noch so knapp, der Brünigpass war eine ordentliche Würgerei, und im Anstieg zum Sustenpass, kurz nachdem die Schnappatmung einsetzte, verliessen mich die Kräfte schliesslich vollends. Hungersturz und Zuckerrast (akuter Glukosemangel im Zentralnervensystem). Wie ein Sattelschlepper auf einem andalusischen Tomatenmarkt fuhrwerkte ich die verbleibenden Kilometer Richtung Passhöhe. Selbstverständlich wurde ich dabei auch gleich noch nach hinten durchgereicht. Auf der Abfahrt in den Kanton Uri begnügte ich mich mit wenig und war schon froh darob, dass ich trotz meiner Schüttelfröste das Velo auf der Fahrbahn halten konnte.

Antonias Blick in der Wechselzone in Erstfeld verriet mir, dass sie etwas früher mit meiner Ankunft gerechnet hatte. Die Ausrede, die ich mir auf Höhe Amsteg noch zurechtgelegt hatte, hatte ich bereits wieder vergessen. Ich gab noch eins, zwei Grunzlaute von mir, aber da war Antonia schon weg. Mit den Rollschuhen Richtung Brunnen oder Altdorf. Oder Flüelen. Das kann ich nicht mehr so genau sagen. Auf jeden Fall eine Ortschaft im Urner Talkessel. Apropos: Für mich ging das fröhliche Kesseltreiben weiter als Antonia mit dem Mountain Bike in Brunnen, Altdorf, Sisikon oder Flüelen eintraf. Wie immer viel zu früh. Glücklicherweise konnten wir zunächst zeitneutralisiert – so nennt man einen logistikbedingten Streckenunterbruch auf Gigathlondeutsch – mit dem Dampfer von Brunnen, Altdorf, Sisikon oder Flüelen über den See. Da war die Laufstrecke. Die rote Zeitmessmatte am Fusse der Rütliwiese wartete auf uns, wie die Hexe mit der grossen Warze im Gesicht auf Hänsel und Gretel wartete. Im Knusperhäuschen. Apropos: Aus Angst vor einem weiteren abrupten hypoglykämischen Leistungsabfall packte ich auf dem Schiff die Gelegenheit beim Schopf und knusperte noch einen Powerbar und ein Appenzeller Biberli. Und wo wir‘s grad von den Gebrüdern Grimm haben: Auf dem Rütli legten die ersten Läufer gleich los wie entsicherte Rumpelstilzchen. Sie wurden aber jäh von der Topographie zurechtgestutzt. Kurz nach Emmetten irritierte mich die Streckenwahl der Organisation dann doch etwas: Gefühlte hundert Kilometer führte eine Asphaltstrasse mit noch heftiger gefühlten 20 Neigungsprozenten zu Tal. Meine Oberschenkel fragten mich, ob ich einen Kugelschreiber und ein Blatt Papier DIN A4 dabei habe, sie möchten dann schon mal ihr Testament niederschreiben. Zur Not tue es auch ein Bierdeckel, sie würden einfach noch gerne ihre Hinterlassenschaft regeln, bevor sie den Schirm zu tun. Ich versuchte nicht hinzuhören uns stampfte weiter bergab. In der Ferne konnte man schemenhaft, noch eher eine Hoffnung, die Zeltstadt auf dem Flughafen von Ennetbürgen erkennen. In der Ebene schaltete ich auf DefCon 1, und hielt zum Zeitvertreib Zwiegespräch mit mir selber. Grundsätzlich ging es dabei um die ganz grossen Fragen, wie sie auch im Sesamstrasse-Lied abgehandelt werden: Wieso, weshalb, warum.

Nicht dass mich jemand der Blasphemie bezichtigt, aber wie Jesus auf dem Berg Golgotha ankam, so schaffte es auch ich weiland über die Ziellinie. Im Unterschied zum Propheten durfte ich jedoch ein Rivella trinken. Ich glaube auch nicht, dass es auf Golgotha ein DUL-X Massage-Dienst gab.

Jedenfalls bot mir die junge Dame von besagtem Massage-Service gleich das Du an. Nachdem ich etwas umständlich auf ihrem Massage-Tisch Platz genommen hatte, begann sie auch gleich zu kneten. Heiland, Holland, Griechenland, ob des Schmerzes hätte sogar Chuck Norris kurz inne gehalten! Ich wies die junge Frau freundlich darauf hin, worauf sie etwas Druck von den Fingern nahm und „gar kein Problem“ säuselte. Im Subtext ihrer Stimme schwang jedoch unüberhörbar mit: „Also, Du bist jetzt mit Abstand das allerwehleidigste Bübchen das mir in den letzten 3 Tagen auf den Tisch geklettert ist.“ „Hast ja recht“ dachte ich.

Danach futterte das ganze Team inklusive Supporter drei grosse Portionen vom Abendmenu weg, wobei ich – immer noch gezeichnet von der Begegnung mit dem Mann mit dem Hammer am Sustenpass – mir in der ennetbürgener Hafenstrasse noch einen Dürüm Kebab zum Dessert gönnte.

So sieht ein prima Tag am Gigathlon aus. Vielen Dank nochmals an alle, die in irgendeiner Form zum Gelingen des Unternehmens beigetragen haben. Auch an unsere Mitstreiter von Ripcap/Bikeholiday, Olfrygt, We do it – Velovirus und die Single-Athleten Pauli und Kubli. Es war ein grosser Spass mit Euch unterwegs zu sein. Last but not least ein herzliches Dankeschön an Rad’n'Roll, unseren Trikotsponsor!

 

Beste Grüsse und bis zum nächsten Mal!