Neulich auf dem Gurten…

(Der Wunsch ist der Vater des Gedanken)

…da war mir zumute, als hätte mich Hulk Hogan mit einem Klappstuhl verprügelt. Das kam so: Es ist schon einige Tage her, da ist ein neues Rennformat auf meinen Schreibtisch gekracht. Wie in verschiedenen Ergüssen auf diesem Kanal nachlesbar ist, sind wir ja bereits in unterschiedlichster Ausprägung auf den Hausberg der Bernerinnen und Berner hochgezottelt. Die Orientierungsläufer vom Stützpunkt Bern (samt und sonders hochdekorierte Elite-Athleten) luden zur sogenannten Gurten-Gredi. Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist die Gerade, als Thema quasi. Also von der Talstation zur Bergstation ohne Umwege, Kurven wurden nur dann eingeschlagen, wenn der Baum nicht umgerannt werden konnte, oder wenn ein schottisches Hochland-Rind bedrohlich guckte. Um der Ausstrahlung des Anlasses auf Augenhöhe zu begegnen, zog ich extra mein baumwollenes (nix Funktions-Textil) T-Shirt mit dem Aufdruck eines amerikanischen Erwachsenen-Magazins an, welches jeweils im Rahmen des Bierathlons in Tsüri gegen Ende des Kalenderjahres seinen grossen Auftritt hat. Ausgerüstet wurden wir mit dem besten was die OL-Technik heute zu bieten hat für die chronographische Registrierung: Eine GPS-Sende-und-Empfangseinheit neuester Generation, Iphone 6 Fisher Price-Telefon dagegen!

Gestartet wurde im 15 Sekunden Rhythmus, selten ein Rennen erlebt, wo man sich so – ich schwanke zwischen zeitoptimiert und zeitkomprimiert – zuschanden reiten kann! Ich blinzelte in die schwächer werdende Nachmittagssonne, und es wurde mir wieder einmal klar, dass die besten Tage meiner sportlichen Leistungsfähigkeit inzwischen mit einer fettig glänzenden Lasur der Geschichte überzogen sind. Aber bevor ich mich mit grossem Brimborium hierüber rhetorisch ausbreiten konnte, ermahnte mich die Rennleitung doch bitte die Fresse zu halten und meine Startzeit nicht zu versäumen, Ordnung muss sein (erst kürzlich nämlich verpasste ich einen Zahnarzttermin!).

Gurte 2
Photos by Linsenzauber/Blog

Gleich zu Beginn, da wo die Treppen sind, habe ich richtig schön die Keule kreisen lassen, wie König Drosselbart auf der Tanzfläche mit der Prinzessin; alles gegeben. Ähnlich wie ein Turmfalke den Albatros, überholte mich nach der ersten Kurve der Scherrer Dominik, faselte im Vorbeigehen keuchend etwas von „…uiuiuiii, zu schnell angegangen, Liloooooo, Tifffy, Herr von Böööööödefeld!“, und verschwand im Dickicht des Hasenbrunnen-Waldes. Meine Beine brannten wie die Sehnsucht des Matrosen nach seinem Heimathafen. In ständiger Angst, weitere Teilnehmer/Innen könnten mich einholen, stakste ich – aus dem allerletzten Loch pfeiffend – weiter Richtung Bergstation. Am Foto-Point vorbei (Zitat Stefan Lombriser: „Hey Peti, siehst stark aus auf dem Foto!“ Antwort ich: „Ja, klar, die Sorte Fotos kenn‘ ich…“), ging es nach links über die Schotterpiste, die mir in der Regel nur dann Probleme bereitet, wenn ich um fünf Uhr morgens nach dem Gurtenfestival zu Fuss den Heimweg antrete. Im Ziel hatten sich die Organisatoren noch eine knifflige Zusatzaufgabe ausgedacht: Nämlich besagte GPS-Sende-und-Empfangseinheit zwecks Zeitnahme in so ein kleines Loch eines anderen fancypants-Gerätes aus der abenteuerlichen Welt der Orientierungsläufer und Orientierungsläuferinnen zu stecken, quasi Kamel durchs Nadelöhr. Mit einer Hand, zittrig wie die von Charles Bukowski morgens um Sieben, versuchte ich mit meinem Gerät ins andere Gerät zu treffen, meine Augen aufgequollen vom Schweiss, die Sehkraft wegen Sauerstoffmangels irgendwo zwischen 50 und 60 Dioptrien. Hat mir wahrscheinlich den Sieg gekostet. Vielleicht auch nicht. Der nette Orientierungsläufer im Ziel hatte schliesslich Erbarmen und setzte dem Elend ein Ende, indem er mir half, die beiden Geräte fachgerecht zusammenzuführen. Vor lauter Freude wollte ich ein wildes Tanzen zu Ehren der sowjetischen Planwirtschaft veranstalten, die Beine machten jedoch nicht mehr so recht mit.

Foto 3
Allgemeines Weggetreten-Sein im Ziel. Man beachte insbesondere Gabriel (weggedöst),
Tabea (immer noch verwirrt den Fotografen suchend) und den Herrn ganz rechts
im Bild (ein imaginäres Frettchen verscheuchend).

Es folgten Rangverkündigung (ich im hinteren Drittel des Tableaus), Tombola (leer ausgegangen) und gemütliches Beisammensein (niemanden interessierten meine spannenden Räubergeschichten), Erfolg auf der ganzen Linie, also. So ging ich heim zu meiner Frau und meiner Tochter und heulte mich während zweier Stunden aus, bis es meine Frau nicht mehr aushielt, und mir fünf Esslöffel Flatulex Forte© verabreichte. Ich wurde ganz ruhig und sanft, wie Ferdinand der Stier auf der Blumenwiese.

Ferdinand

Liebe Grüsse! (..und besten Dank an die Organisatoren von stuetz.be!)